„Online“ – wie ein Handy eine Persönlichkeit verändert

Weimarer Kulturexpress am JBG

Im Oktober 2016 machte der „Weimarer Kulturexpress“ auf seiner deutschlandweiten Tour auch am JBG Station und präsentierte den Schülern aus der achten, neunten und zehnten Jahrgangsstufe das selbst konzipierte und einstudierte Stück „Online“. Wie der Name schon vermuten lässt, wird Bezug genommen auf das gerade in der heutigen Zeit immer mehr zunehmende Bedürfnis insbesondere der jungen Generation, permanent via Internet erreichbar zu sein und somit das Netz in den Mittelpunkt des Lebens zu rücken. Im Theaterstück „Online“ wird diese Thematik zwar vielleicht etwas überspitzt, aber dennoch durchaus realistisch dargestellt.

Die beiden Akteure des „Weimarer Kulturexpress“ schlüpften während der Aufführung in die Persönlichkeiten von drei Protagonisten, welche an der Handlung teilnehmen. Dies sind im Vordergrund zunächst die beiden etwa gleichaltrigen Mädchen und Freundinnen Jule und Elli. Insbesondere im weiteren Verlauf des Stücks nimmt dann auch Jules Mutter einen hohen Stellenwert in der Handlung ein.

Die Situation zu Beginn

Zu Beginn des Stückes wird ein Telefongespräch zwischen den beiden befreundeten Mädchen Jule und Elli gezeigt, welches von Jules veraltetem Handy häufig unterbrochen wird. Am nächsten Tag feiert Jule ihren Geburtstag und erhält von ihrer Mutter zunächst ein Buch, was ihr jedoch wenig Freude bereitet. Erst als sie dazu noch ein brandneues Smartphone erhält, hebt sich ihre Stimmung. Völlig enthusiastisch berichtet sie ihrer Freundin Elli davon, ist aber zugleich besorgt über die Sicherheit ihrer persönlichen Daten. Für Elli scheint dies von geringerer Relevanz zu sein, sie rät vom Abkleben der Kamera ab und registriert ihre Freundin sogleich bei Facebook, Twitter und etlichen anderen sozialen Netzwerken. Da Jule zu diesem Zeitpunkt ihrer Freundin in Sachen Smartphone weitaus unterlegen ist, lässt sie sich blind auf deren Vorhaben ein und landet sogleich mit mehreren Bildern im Internet. Auch die Konfrontation mit der Thematik der Kinderpornographie scheint sie weniger zu interessieren.

Datenschutz? Hauptsache, es gibt Likes!
Datenschutz? Hauptsache, es gibt Likes!
Weitere Gefahren der modernen Medien

Doch nicht nur im Bereich der Kriminalität liegen die Gefahren der modernen Medien, auch die sozialen Kompetenzen eines Menschen gehen dadurch mehr und mehr verloren. So trifft sie sich zunehmend seltener mit ihrer Freundin und wenn sie sich einmal treffen, wechseln sie nur wenige Worte. Auch ihrem Hobby, dem Fotografieren und dem Musizieren in der Band, geht sie nicht mehr nach, sondern ist nur noch darauf fokussiert, mit ihren Profilbildern möglichst viele Likes und mit Online-Spielen möglichst viele fiktive Preise zu ernten. Ebenso legt sie auf ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre Kleidung weniger Wert, da sie all diese Dinge ihrer Onlinepräsenz unterordnet.

Als ihre Abschottung von der Außenwelt immer größere Ausmaße annimmt und Jule selbst während der rund drei Stunden, die sie und ihre Mutter gemeinsam verbringen, starrsinning weiter auf den Bildschirm ihres Smartphones fokussiert ist, erkennt auch ihre Mutter Handlungsbedarf und möchte ein Gespräch beginnen. Als jedoch Begriffe wie „Therapie“ und „Klinik“ fallen, verfällt Jule in einen einer Psychose ähnelnden Zustand und verlässt schreiend die Wohnung. Auch ein darauf folgendes Gespräch mit ihrer Freundin Elli bestätigt die Vermutung, die sich mittlerweile auch dem Zuschauer eröffnet haben dürfte: Jule ist süchtig geworden. Süchtig nach einem Medium, dass sie nur wenige Tage zuvor nicht einmal besessen hatte.

Wie ihr Smartphone Jule immer weiter verändert

Die Situation droht zu eskalieren, als Jules Mutter einen Brief von der Schule erhält, in dem auf ihre nachlassenden Leistungen und sogar eine Versetzungsgefahr Bezug genommen wird. Während sich Jule in der Anfangsszene gemeinsam mit ihrer Freundin darüber freut, Klassenbeste geworden zu sein, ist nun also vorrückungsgefährdet. Doch nicht nur auf Änderungen im Bereich der Leistung wird eingegangen – auch stellen die Lehrer fest, dass sich Jule von ihren Klassenkameraden distanziert und stets desinteressiert an der Gemeinschaft wirkt.

Wie aus Jule ein "Smombie" wird
Wie aus Jule ein „Smombie“ wird

Als Jules Mutter die erste Handyrechnung ihrer Tochter empfängt, verschärft sich der Konflikt weiter. Trotz sehr großzügiger Nutzungslimits ist ein hoher Betrag zur Nachzahlung fällig, da Jule durch ihre exzessive Nutzung des Handys auch außerhalb der Wohnung übermäßig viel Datenvolumen verbraucht hat, ohne ihre Mutter davon in Kenntnis zu setzen. Ebenso trudeln täglich Rechnungen von diversen Abonnements ein, die Jule, eventuell auch ohne es selbst zu wissen abgeschlossen hat und die nun kostenpflichtig wurden. Die Konfrontation damit ist für Jule zu viel. Während sie mit ihren Gefühlen, die zwischen Wut und Traurigkeit schwanken, zu kämpfen hat, kündigt ihre Mutter so viele Verträge wie möglich, um Jule aus dieser auch finanziellen Krise zu befreien. Nachdem sie einige Online-Tests zum Thema Handy-Sucht ausgefüllt hat, wird klar: Jule ist süchtig.

Die lange Suche nach einer Lösung

Diese Veränderung geht auch an ihrer Mutter nicht spurlos vorbei, und so entwickelt sie in einem Gespräch mit ihrem Gatten, der aufgrund seiner räumlichen Entfernung zur Wohnung von seiner Familie von der Situation noch nicht Kenntnis erlangt hat, folgende Strategie: Jule muss die Wochenenden bei ihrem Vater auf dem Hof mit Arbeit verbringen, muss jede Schul- oder Stegreifaufgabe zuhause vorzeigen, bekommt wieder ihr altes Handy und muss regelmäßig mit ihrer Mutter über die aktuelle Situation sprechen. Schon das ist für Jule zu viel. In ihrer Wut beginnt sie, die Wohnung zu verwüsten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch die Ausführungen ihrer Mutter sind noch nicht zu Ende: Sie konfrontiert Jule mit einer Tatsache: „Du bist krank“, sagt sie zu ihrer Tochter. Deshalb hat sie sie in einer Klinik zur Therapie angemeldet, um Jule wieder mehr Lebensqualität zu geben.

Aber es gibt dennoch ein „Happy End“

Am Ende des Stücks folgt ein kleiner Blick in eine Szene, die sich mehrere Monate später nach Ende der Therapie ereignet: Jule und Elli machen eine gemeinsame Wanderung, widmen sich ihrem Hobby, dem Fotografieren, bequatschen miteinander die neusten Ereignisse und benutzen dabei kein einziges Mal das Handy. Und endlich kann sich auch Jule wieder an ihrer Umgebung erfreuen. „Die Welt ist einfach nur schön“, sagt sie. Und das ist sie auch. Die wirkliche Welt. Die Welt, die man auch ohne Brille in 3D erleben kann.